Orden
 

St. Maria Alemannorum in Jerusalem


Geht man heute durch das jüdische Viertel der Altstadt Jerusalems Richtung Westmauer, die auch Klagemauer genannt wird, steht man beim Abstieg in das Tyropöon-Tal plötzlich vor den Ruinen einer Kirche, die offensichtlich Teil eines größeren Komplexes war. Jenseits des Tales auf der Westmauer ruhend findet sich der „Tempelberg", auf dem heute die einzigartigen muslimischen Heiligtümer Felsendom und Al-Aqsa-Moschee thronen als Erben des biblischen Tempels. Eine Kirche inmitten des jüdischen Viertels? Was ist ihr historischer Hintergrund und warum steht sie bis heute? Bleibt man in der Nähe der Kirche und lauscht in der Hoffnung auf Klärung den Ausführungen von (israelischen) Reiseführern, die eher widerwillig auf erstaunte Fragen aus der Gruppe reagieren, wird man zumeist enttäuscht.
Tritt man ein, so steht man in einer dreischiffigen Pfeilerkirche. Die Apsiden weisen zum "Tempelberg". Der Innenraum war durch Pfeiler in vier Abschnitte gegliedert, deren Decke vermutlich durch jeweils ein Kreuzgratgewölbe gebildet worden war. In einem der Seitenräume findet sich die Information, daß es sich um die Kreuzfahrerkirche St. Maria Alemannorum handelt, in der der Deutsche Orden gegründet worden sei.


Rekonstruktion des Deutschen Hauses St. Mariens in Jerusalem
Rekonstruktion des Deutschen Hauses St. Mariens in Jerusalem

Das „Deutsche Haus", wie dieser Gebäudekomplex genannt wird, war aus literarischen Quellen bekannt: Bereits vor 1127 wurde von einem anonymen Stifterpaar ein Hospiz und Hospital für deutsche Pilger und Pilgerinnen sowie später und mit Zustimmung des Patriarchen eine der Heiligen Maria geweihte Kirche gegründet. Jakob von Vitry, der von 1216 bis 1228 Bischof von Akko war, berichtet: „Als nämlich die Heilige Stadt nach ihrer Befreiung von den Christen bewohnt wurde und viele Deutsche und Alemannen als Pilger nach Jerusalem zogen und sich in der Sprache der Stadt nicht verständigen konnten, trieb die göttliche Erbarmung einen reichen und frommen Deutschen, der mit seiner Frau in der Stadt lebte, ein Hospiz zur Unterbringung armer und kranker Deutscher aus eigenen Mittel zu errichten. Als viele Arme und Kranke seines Volkes wegen des Bandes der Sprache dort zusammenströmten, errichtete er mit Zustimmung und Willen des Patriarchen neben dem erwähnten Hospiz ein Oratorium zu Ehren der seligen Gottesgebärerin Maria."
Diese zunächst eigenständige Stiftung wurde 1143 dem Johanniterorden unterstellt. Im Jahre 1165 nennt Johannes von Würzburg „nebenbei" unseren Komplex: „Im Abstieg derselben Straße in Richtung des Tores, das zum Tempel hin führt, findet sich rechter Hand gleichsam eine Abzweigung, durch einen langen Gang: An diesem Weg liegt ein Hospital mit einer Kirche, die neu gebaut worden ist zur Ehre der Heilgen Maria und Haus der Deutschen genannt wird, dem kaum oder keine Anderssprachigen etwas Gutes tun."


Im ausgehenden 12. Jahrhundert ändert sich die Lage im Heiligen Land grundlegend. Nachdem der Kurde Saladin das Kreuzfahrerheer bei den Hörnern von Hattin in der Nähe des heutigen Tiberias vernichtend geschlagen hatte, zog er am 2. Oktober 1187 in die aufgegebene Stadt Jerusalem ein. So war sie wieder unter muslimischer Herrschaft.
In der westlichen Welt war dies der Anlaß für den Dritten Kreuzzug, dessen erste entscheidende Aktion im Heiligen Land die Belagerung Akkos war. Das christliche Heer wurde wiederum von Saladin, der Akko zu Hilfe kommen wollte, eingeschlossen. In dieser Zeit der Seuchen, des Hungers und der Krankheiten begann im Jahre 1190 vor Akko die Geschichte des Deutschen Ordens, indem Bürger aus Bremen und Lübeck ein Zeltspital aus dem Segel ihrer Kogge errichteten.

Es dauerte dennoch knapp vier Jahrzehnte bis Jerusalem zurückgewonnen wurde. Erst im Jahre 1229 gelang es Friedrich II durch geschicktes Taktieren in Form eines Friedensvertrages und ohne jegliches Blutvergießen Jerusalem neben Nazareth und Betlehem auf zehn Jahre vom ägyptischen Sultan Malik al Kamil zurückzuerhalten. Am 17. März zog der vom Papst gebannte Staufer-Kaiser Friedrich II und an seiner Seite der Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, in die Heilige Stadt ein.
Die Situation für den Deutschen Orden änderte sich dadurch fundamental. Die Nähe des Hochmeisters zu Friedrich II zeigte beeindruckende Früchte. Der Deutsche Orden erhielt unter anderem in Jerusalem als Geschenk die Thomas-Kirche und das „Deutsche Haus".

Nach dem Stand der heutigen wissenschaftlichen Diskussion wurde der Deutsche Orden also nicht in Jerusalem, sondern 1190 im Verlauf des Dritten Kreuzzuges vor Akko als nichtklerikale Hospitalbewegung gegründet.
Vorher existierte das „Deutsche Haus" in Jerusalem. Schon sehr bald jedoch wurde vom dem sich etablierenden Deutschen Orden eine Verbindung zu diesem Gebäudekomplex in Jerusalem gezogen, die sich bis heute im Titel erhalten hat: „Deutscher Orden, Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem".
Lange war die Lokalisierung des „Deutschen Hauses" mit seiner Kirche St. Maria unklar. In unserem Jahrhundert wurde das Geheimnis nach beinahe 700 Jahren gelüftet und die zum Teil spekulativen Diskussionen beendet. Im Jahre 1968 entdeckten die israelischen Archäologen E. Netzer und A. Ovadiah die Ruinen „unserer" Kirche. Mit einer Spende von Axel Springer und unter Einfluß von Teddy Kollek wurde sie von späteren Verbauungen befreit sowie in ihrem Bestand erhalten.
Wie so oft im Heiligen Land ist jedes Fleckchen Erde geschichtsgesättigt – besonders in der für drei Religionen Heiligen Stadt Jerusalem. Jeder Stein ist Zeuge nicht nur einer Tradition, sondern eines Bündels von Traditionen.
Dies zeigt sich auf besondere Weise auch für die Kirche St. Maria Alemannorum. Es gibt Gründe anzunehmen, daß wir unter den Ruinen der Kirche St. Maria Alemannorum die byzantinische „Prätoriumskirche" zu suchen haben.
Der israelische Archäologe M. Ben-Dov fand ein byzantinisches Mosaik aus dem 6. Jahrhundert unter dem Komplex. Dieses könnte zur byzantinischen „Prätoriumskirche", der Hagia-Sophia-Kirche, gehören.


Ruine der Kirche St. Maria in Jerusalem
Ruine der Kirche St. Maria in Jerusalem

Es drängt sich also die spannende Frage auf, haben wir hier nicht nur das idelle Mutterhaus des Deutschen Ordens in Form der St. Maria Alemannorum vor uns, sondern auch den Ort, an dem Jesus von Pontius Pilatus verurteilt wurde?
Die neutestamentlichen Quellen berichten von einem „Prätorium", in dem der römische Statthalter Pontius Pilatus, der eigentlich in Cäsarea am Meer residierte, während seines Aufenthaltes in Jerusalem Recht sprach. Von der Wissenschaft wurden drei Orte, die als „Prätorium" in Frage kommen, herausgearbeitet. Der erste Ort ist die Antonia-Festung im Norden des Tempelberges, die bis heute als Beginn der „Via Dolorosa" verehrt wird. Der zweite ist der herodianische Palast südlich der Zitadelle, die am heutigen Jaffa-Tor zu lokalisieren ist. Der dritte ist der Hasmonäer-Palast, der zwar noch nicht gefunden wurde, sich aber zweifellos im heutigen jüdischen Viertel der Altstadt befindet. Welchem der drei Orte ist nun der Vorzug zu geben?
Folgt man den Ausführungen von Josephus Flavius, so müßte die Entscheidung für den Herodes-Palast fallen. Erstaunlich ist jedoch die anderslautende christliche Tradition, die die Verurteilung Jesu im jüdischen Viertel verortet, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit dort, wo heute die Ruinen der St. Maria Alemannorum stehen.
Bemerkenswert ist, daß eine Lokaltradition diesen Ort als Ort der Verurteilung Jesu bereits im 4. Jahrhundert postuliert. Zu dieser Zeit interessierte sich die offizielle Theologie noch nicht für die Leiden Jesu. Relativ spät mündete die Lokaltradition in einen Kirchenbau. Vermutlich nach dem Konzil von Chalcedon (451), das die Menschlichkeit Jesu Christi betonte, und so auch die Leiden Jesu in den Blick kamen, wurde die Hagia-Sophia-Kirche an diesem Ort erbaut. Sie ist uns bekannt aus fast allen Pilgerberichten und aus dem Madaba-Mosaik.
Diese starke Lokaltradition, die sich über hunderte Jahre gegen das Interesse der damaligen kirchlichen Obrigkeit behauptete, ist ein schwerwiegendes Argument für die Authenzität unseres Ortes. Die Kirche wurde wahrscheinlich im 9. Jahrhundert zerstört.

Ein wichtiger Hinweis dafür, daß St. Maria Alemannorum die Erbin der Hagia-Sophia-Kirche ist, ist der oben ausgeführte Bericht des Bischofs Johannes von Würzburg aus dem Jahr 1165.

Dort steht: „eine Kirche, die neu gebaut wurde". Interessant sind die beiden Worte „de novo". Sie lassen die Interpretation zu, daß beim Bau der St. Maria Alemannorum im 12. Jahrhundert ein Ort gewählt wurde, der entweder deutlich als Kirchenruine erkennbar war, oder der als Ort einer Vorgängerkirche den Zeitgenossen noch bekannt war.
So ergibt sich für diesen Ort und den Deutschen Orden heute eine beeindruckende Perspektive. Einerseits ist die Kirche St. Maria Alemannorum neu entdeckt und trotz widriger Umstände uns heute erhalten, andererseits wurde höchstwahrscheinlich an dieser Stelle Jesus verurteilt. In der uns heute erhaltenen Ruine St. Maria Alemannorum, an der die Touristen- und Besucherströme gleichgültig vorbeiziehen, sind diese beiden Ereignisse eingeschmolzen.